Merit-Order: Warum ich meine Meinung geändert habe
Lange habe ich die Merit-Order vor allem als unfair wahrgenommen:
Wenn ein teures fossiles Kraftwerk noch gebraucht wird, prägt es den Preis für alle.
Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto unsicherer wurde diese einfache Bewertung.
Auf dieser Seite versuche ich deshalb, meine eigene Denkbewegung sauber nachzuzeichnen
und sie mit realen Daten aus meinem Energiesystem zu verbinden.
Letzter ausgewerteter Tag
0,12 kWh
31.07.2026: grün bei Schwelle 1,00 kWh
Ausgewertete Tage
212
Grüne Tage
62
Rote Tage
150
Anteil grüne Tage
29,2 %
Ø Netzbezug pro Tag
13,18 kWh
Netzbezug gesamt
2.794,49 kWh
Bester Tag
0,12 kWh (01.07.2026)
Schwächster Tag
37,78 kWh (01.02.2026)
Ø Netzbezug letzte 30 Tage
0,12 kWh
Erster grüner Tag
01.05.2026
Letzter grüner Tag
31.07.2026
Mein ursprünglicher Blick auf die Merit-Order
Mein erster Eindruck war: Dieser Mechanismus dient vor allem fossilen Kraftwerken.
Wenn Gas oder Kohle noch gebraucht werden, bestimmen sie den Preis – obwohl Wind und PV
viel günstiger erzeugen. Das wirkt intuitiv unfair.
Ganz falsch ist dieser Eindruck nicht. Genau so fühlt sich die Merit-Order in teuren
Phasen an. Gleichzeitig greift diese Sicht zu kurz. Denn derselbe Mechanismus sorgt auch dafür,
dass immer zuerst die günstigsten Erzeugungsarten zum Zug kommen.
Mit wachsendem Anteil von Wind und PV verlieren teure fossile Kraftwerke damit langfristig
an Bedeutung. Der Mechanismus belohnt also nicht Fossile als solche – er belohnt niedrige Grenzkosten.
Wie die Merit-Order funktioniert
Vereinfacht gesagt werden Kraftwerke nach ihren Grenzkosten sortiert.
Die günstigen kommen zuerst, die teuren zuletzt. Der Preis wird dann durch die
letzte noch benötigte Erzeugung bestimmt.
Genau dieser letzte Punkt ist der Grund, warum die Merit-Order häufig als unfair empfunden wird:
Auch sehr günstiger Strom erhält am Ende den Preis der teuren noch benötigten Erzeugung.
Gleichzeitig ist genau diese Logik der Grund, warum Erneuerbare strukturell im Vorteil sind:
Sie stehen in dieser Reihenfolge sehr weit vorne.
Wo der Vergleich mit meinem eigenen System hinkt
Mein Haus bildet die Merit-Order nicht eins zu eins ab. Wenn ich an einem Tag zum Teil
PV-Strom und zum Teil Netzstrom nutze, zahle ich natürlich nicht für alle Kilowattstunden
den Netzpreis, sondern nur für den tatsächlich bezogenen Anteil.
Im Strommarkt ist das anders: Dort bestimmt die teuerste noch benötigte Erzeugung den Preis
für alle. Der Vergleich ist also nicht identisch.
Trotzdem hilft er. Denn er zeigt denselben entscheidenden Zusammenhang:
Sobald eine teure Quelle überhaupt benötigt wird, wird sie systemrelevant.
Genau darauf zielt die folgende Grafik.
Timeline: Wann das Netz den Tag prägt
Jeder schmale Balken steht für einen Kalendertag. Grün markiert Tage mit höchstens
1,00 kWh Netzbezug, rot Tage darüber. Die Schwelle ist bewusst einfach gewählt:
Sie trennt Tage mit praktisch geringem Netzanteil von Tagen, an denen das Netz das System
erkennbar mittragen musste.
Was diese Grafik zeigt – und was nicht
Die Grafik zeigt keine Börsenpreise und keine volkswirtschaftliche Modellierung des Strommarkts.
Sie zeigt nur, an welchen Tagen mein eigenes System mit sehr wenig Netzbezug auskam – und an
welchen nicht.
Gerade dadurch wird sie für mich interessant: Sie macht sichtbar, wann günstige eigene Energie
ausgereicht hat und wann eine teurere externe Quelle relevant wurde.
Jahresübersicht
Die Tabelle fasst die Timeline auf Jahresbasis zusammen und zeigt außerdem den ersten und letzten
grünen Tag pro Jahr.
Jahr
Grüne Tage
Rote Tage
Erster grüner Tag
Letzter grüner Tag
2026
62
150
01.05.2026
31.07.2026
Fazit
Ich halte die Merit-Order heute nicht mehr einfach für unfair.
Sie kann in einzelnen Situationen genau so wirken – und dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr.
Mein eigenes System zeigt mir aber etwas anderes: Das eigentliche Problem ist nicht,
dass eine teure Quelle den Preis oder den Charakter eines Tages prägt.
Das eigentliche Problem ist, dass günstige Energie noch nicht immer ausreicht,
um diese teure Quelle vollständig zu verdrängen.
Methodik
Grundlage der Timeline ist der tägliche Netzbezug aus der kuratierten SQLite-Datenbank
mobility.sdb, geladen über den zentralen EnergyRepository.
Verwendet wird die Tagesreihe aus grid_energy_cost_daily.
Ein Tag gilt als grün, wenn der Netzbezug höchstens 1,00 kWh beträgt.
Darüber wird er rot markiert. Fehlende Tage werden grau dargestellt.
COP Analyse – Zeigt den COP der Wärmepumpe (mit gemessenem Stromverbrauch inkl. der Peripherie)
PV Prognose – Zeigt die berechnete Prognose der Photovoltaikanlage aus eine Wettermodell und den Ist-Daten.
Energiebilanz – Energiebilanz der PV-Anlage und Wärmepumpe
CO₂ Bilanz – Zeigt die Auswirkungen auf CO₂-Emissionen im Vergleich mit fossilen und nachwachsenden Energieträgern
Fragen oder Ergänzungen?
Die gezeigten Auswertungen basieren auf realen Daten aus dem laufenden Betrieb.
Wenn dir etwas unklar ist oder du eine Auswertung vermisst, schreib mir.